Durch den Taifun
(Teil 6)

Heute wird ein nasser Tag. Ein Taifun hat sich angekündigt.
Was anziehen?
Als ich am Morgen aufwache regnet es noch immer. Der Himmel ist gleichmäßig grau, die Berge in den tief hängenden Wolken verschwunden. Erst mal einen Frühstückstee trinken und die Karte konsultieren. Die sagt mir, dass es erst mal stetig bergauf gehen wird. Ich bin mir unsicher, was ich anziehen soll. Einerseits sieht es nach Herbstwetter aus, andererseits erzählt mir das Thermometer etwas von 25 °C. Ich versuche es mit Regensachen und Sandalen. Die ersten Kilometer bleibe ich auf der Hauptstrasse, radle an kleinen Wiesen und Äckern vorbei, auf denen mich tropfnase Kühe etwas beläppert anschauen. Doch bald schon biege ich auf die kleine Paßstrasse in Richtung Norden ab. Diese ist zum Teil nur einspurig ausgebaut und recht holprig. Häuser gibt es immer seltener zu sehen, nur ab und an ein kleiner Bauernhof.
Langsam windet sich die Straße in kleinen Kehren den Berg hinauf. In jeder Kurve hängt ein Spiegel um den Gegenverkehr schon im Vorraus zu sehen. Ich werde dadurch jedoch alle 200 Meter daran erinnert, wie lächerlich ich mit meinem Kleidungsmix aus Regensachen und Sommerkleidung doch aussehe. Fasziniert bin ich jedoch von dem Wald, der rechts und links der Straße schier undurchdringlich liegt. Ein großblättriges, dichtes Wirrwar an unterschiedlichen Grüntönen aus dem feuchte Dämpfe aufsteigen. Ich stelle mir das Insektenleben darin vor und radle anschließend unbewußt eher in der Straßenmitte. Ein Auto habe ich in der letzten Stunde sowieso nicht gesehen.
Am Gipfel (1739 m) angekommen lege ich eine kurze Pause ein. Ich bin völlig durchnäßt und die Kleidung klebt mir am Körper. Zumindest friere ich nicht. An dem kleinen Rastplatz gibt es eine Karte, die mir sagt, dass es von jetzt an fast nur noch bergab geht. Ich freue mich, denn der gestrige Tag ist in den Waden noch deutlich spürbar.
Plötzlich höre ich im dichten Nebel fröhliche Gesänge. Zuerst denke ich, mein Gehirn spielt mir einen Streich. Doch plötzlich tauchen aus dem dichten Wald etwa 20 grellbunte Regenjacken auf. Eine Schulklasse auf Wanderschaft. Der Lehrer kommt zu mir und fragt mich, ob ich wisse wo wir gerade sind. Er gleicht die Position auf seiner Wanderkarte mit meiner Karte und der auf dem Rastplatz ab. Dann ruft er seine Schüler zusammen und verschwindet mit ihnen auf der anderen Seite der Straße wieder im Dickicht des Waldes.
Ich freue mich auf die Abfahrt, was sich wieder als zu früh gefreut herausstellt. Die Straße ist so eng und schmal an den Berg gebaut, dass man zwischen den Kehren kaum eine Möglichkeit hat auf mehr als 15 km/h zu beschleunigen. Meine Durchschnittsgeschwindigkeit ist nicht viel höher als bergauf. An Stellen, an denen man etwas schneller fahren könnte, liegen meist viele Steine auf der Straße, die einen sofort wieder an den Bremsen ziehen lassen. Nach wenigen Minuten schmerzen mir bereits die Handgelenke.
In den wenigen Sekunden, in denen die Wolken Lücken zeigen, wird der Blick jedoch frei auf eine beeindruckende, zergliederte, schroffe Bergwelt. Manchmal frage ich mich, wo die Straße denn jetzt weitergehen soll, da es vor mir irgendwie nur senkrecht aufsteigende und abfallende Felswände gibt. Nun werde ich auch vom ersten Auto überholt, welches auch nicht viel schneller als ich vorrankommt.
Nach etwa einer Stunde erreiche ich das Tal und dort wieder die Zivilisation. Der Ort hat schätzungsweise 100 Einwohner, aber es gibt mehrere heiße Quellen im Ort, so dass es eine, wenn auch kleine, touristische Infrastruktur gibt. Der Kinugawa-Fluß hat eine tiefe Schlucht in den Stein gefressen und die Häuser hängen förmlich an der Kante. Es gibt auch einen kleinen überdachten Rastplatz, dessen Holzkonstruktion frei über der Schlucht hängt. Ich packe mein Kochzeug aus und koche mir dort eine Suppe und einen Tee um wieder zu Kräften zu kommen. Unten am Fluß steigen aus engen Felsspalten immer wieder kleine Dampfwolken, welche auf die heißen Quellen hindeuten.
Der Taifun kommt
Noch während meiner Pause wandelt sich der Nieselregen zu einem Regenguß, der innerhalb weniger Minuten alle flachen Stellen unter Wasser setzt. Ich bin mir aufgrund der Wassermassen, die plötzlich von oben herab kommen unsicher, ob ich meine Fahrt überhaupt fortsetzen kann. In der Ferne sieht man immer wieder Blitze zucken. Ich trete hinaus in den warmen Regen und beschließe weiterzufahren. Die Regenjacke ziehe ich aus und fahre nur noch in Shorts, T-Shirt und Sandalen. Nass bin ich sowieso und kalt ist es auch nicht.

Die Fahrt auf der kleinen Straße folgt immer dem Flußlauf, so dass es nur wenige Anstiege gibt und man sich meist rollen lassen kann. In Sekunde, in denen der Regen schwächer wird, kann man immer wieder kurze Blicke in die schroffen Berge der Umgebung werfen. Der Dunst und Nebel lassen sie wie in einer Märchenlandschaft erscheinen. Immer wieder komme ich an Stellen, an denen die Straße etwa knietief unter Wasser steht. Am Anfang durchquere ich diese kleine Seen noch langsam und vorsichtig, mit der Zeit bekomme ich jedoch Spass daran zu testen, mit welchen Geschwindigkeiten man diese noch durchfahren kann ohne ins Schleudern zu kommen. Das Wasser spritzt mir bis zum Kopf, läuft den Nacken hinunter. Durch die annähernde Badewannentemperatur ist dies auch weniger unangenehm als ich zu Beginn befürchtet hatte. Immer wieder sehe ich Autofahrer am Strassenrand stehen, die mich aufgrund meiner "Spritz"-tour zuerst entgeistert, dann lachend, beobachten.
Die kleinen Ortschaften an denen ich vorbei kommen scheinen fast nur aus heißen Quellen zu bestehen. Ab und an gibt es einen kleinen Kombini, in die ich mich aber aufgrund meines triefenden Zustandes nicht hineintraue. Zum ersten mal macht mir die Hitze nicht zu schaffen und ich komme ohne große Anstrengung vorwärts.

Nach etwa 40 km erreiche ich das Ende des Seitentales und kreuze in Kawaji wieder die Hauptstraße von Nikko nach Aizu Wakamatsu. Der Ort sieht auf den ersten Blick wenig ansehnlich aus. Die Schnellstrasse führt auf hohen Stelzen mitten durch den Ort. Auch eine Bahnlinie und ein paar 70er-Jahre Hochhäuser müssen zwischen den Bergen noch Platz finden, so dass die eigentlich vielen netten Ecken der kleinen Stadt von oben erst mal verborgen bleiben.
Nach drei Stunden heftigem Dauerregen hat sich das Wetter nun auch beruhigt und ist wieder zum morgendlichen Nieselregen übergegangen. Die Intervalle, in denen es fast gar nicht mehr regnet, werden immer größer. Ich öffne meine Wäschetasche und stelle fest, das hier alles trocken geblieben ist. Ich schlüpfe in trockene Klammotten und fühle mich wie frisch geboren. Allein die Haut meiner Hände und Füße sieht etwas schrumpelig aus, als hätte ich zu lange in einer Badewanne gessessen. In einem kleinen Cafe gönne ich mir einen großen Milchcafé und zwei Stücken Kuchen.
Von nun an geht es wieder langsam bergauf. Da die Straße jedoch meist am Fluss oder einer Talsperre entlangführt halten sich die Steigungen in Grenzen und es geht gut vorran. Immerwieder beobachte ich interessiert, wie die parallel zur Straße verlaufende Bahnlinie durch die felsige Landschaft führt. Tunnel-Brücke-Tunnel-Brücke.....andere Möglichkeiten gibt es kaum. Alle 30 Minuten zuckelt ein kleiner blauer Triebwagen diese Strecke entlang. Die Bahnhöfe stellen meist die größten Gebäude der Orte dar und versprühen einen spröden 70er-Jahre-Charme. Irgendwie scheint die Zeit hier stehen geblieben zu sein.

Schadensaufnahme
Plötzlich weist mir ein Schild den Weg zu einem Campingplatz. Da es schon bald dunkel zu werden scheint, beschließe ich hier Schluß für heute zu machen. Doch leider stellt sich heraus, daß der Campingplatz heute Urlaub hat und geschlossen ist. Ich fahre zurück in den Ort und frage, ob es eine andere Möglichkeit zum Übernachten hier gibt. Man schickt mich zum örtlichen Onsen, dort gäbe es eine Wiese, auf der man bestimmt auch ein Zelt aufbauen könne. Die Übernachtung dort kostet ungefähr 10 Euro pro Nacht inklusive Onsenbenutzung. Die alleine würde 8 Euro kosten, was also 2 Euro fürs Camping macht.
Ich baue jedoch erst mal mein Zelt auf. Schlafsack, Lebenmittel und Kochzeug haben den Tag trocken überstanden. Anders sieht es jedoch in meiner Lenkertasche aus. Diese hatte wohl ein Loch und hat sich unbemerkt mit Wasser gefüllt. Da ich mich tagsüber nicht getraut hatte diese öffnen, habe ich es leider auch nicht bemerkt. Aus einem meiner Objektive kam ein gleich ein ganzer Schwall entgegen und auch meine Kamera zeigte Auslöseprobleme. Zudem wurden mehrere bereits belichtete Filme in Mitleidenschaft gezogen, die beim Entwickeln zu hause dann einen heftigen Lilastich zeigten. Weitere Opfer des Tages waren mein Flugticket (bei welchen gerade noch die Flugnummer und die Abflugszeit erkennbar waren), Pass und Reiseführer (welche nun nicht mehr aus einzelnen Seiten, sondern einem kompakten Klumpen bestanden) sowie weiterer Kleinkram, welcher nun unbenutzbar war. Eine große Portion Nudeln und ein kräftiger Assam beruhigen mich erst mal wieder.
Dennys Besuch in der Damenumkleidekabine
Nach dem Essen beschließe ich mein wohlverdientes Bad zu nehmen. Da es mein erster Onsenbesuch ist, bin ich über den Ablauf der Benutzung noch etwas im unklaren. Der Mann an der Rezeption drückt mir ein winziges Handtuch in die Hand und weist mir den Weg in die Umkleidekabinen. Dort stehe ich vor einer schwerwiegenden Entscheidung. Rechte Tür oder Linke Tür. Die Schilder sind nur in Japanisch beschriftet, so dass ich mir etwas unsicher bin, welche denn nun für Männlein und welche für Weiblein ist. Ich entscheide mich für die linke Tür und lande plötzlich in einem Zimmer halbnackter, älterer Damen. Doch schon nach wenigen Sekunden packt mich von hinten eine Hand und zieht mich in den Flur zurück. Ein älterer Mann hat mich noch gesehen, wie ich durch die Tür gehuscht bin und mich geistesgegenwärtig wieder herausgeholt, bevor ich Unruhe unter den Damen verursachen konnte. Mit einem herzhaften Lachen und Kichern weist er mir den Weg durch die richtige Tür. Das Männleinkanj ist also dass mit dem viereckigen Dickschädel, während jenes mit dem resoluten Gang der Weiblichkeit zu zuordnen ist.
Ich lege meine Kleidung ab und gehe in den Badraum. Dort stehen kleine Holzschemel auf denen man sich vor dem Bad richtig abseift und danach mit einem Wassereimer wieder entseift. Dann geht es endlich ab ins Wasser. Zumindest erst mal die Füße. Das Wasser ist so heiß, dass ich mir vorkomme wie in einem Kochtopf. Nur langsam gewöhne ich mich an die Temperaturen, so dass es fast 5 Minuten dauert bis mein gesamter Körper im Wasser ist. Nach weiteren 5 Minuten war ich dann auch schon wieder draußen, da ich mir schon gar vorkam. Nach wenigen Minuten starte ich den zweiten Versuch. Erst jetzt setzte der Entspannungeffekt ein. Mein müden Glieder lockerten sich und auch die Zerstörung sämtlicher Ausweisdokumente und Reiseführer schien plötzlich nicht mehr so schlimm.
Draußen ist es nun schon völlig dunkel geworden. Ich koche mir noch einen letzten Einschlaftee, hänge meine nassen Sachen über die kleine überdachte Bank und krieche in mein feuchtes Zelt. Kurz darauf stolpert noch eine Truppe Jugendlicher über die Wiese und startet das obligatorisch Abendfeuerwerk. Dann wird es ruhig und ich schlafe müde ein.
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