Durch den Nikko-Nationalpark
(Teil 5)

Heute stehen die Tempel und Schreine in Nikko auf dem Programm. Nach den dortigen Touristenschwärmen entfliehe ich in die Natur und radle durch den Nikko-Nationalpark zum Chuzenji-See.
Tempel und Schreine
Langsam fange ich an, entgegen meiner eigentlichen Natur, mich an das frühe Aufstehen zu gewöhnen. Bereits um kurz nach 5 Uhr bin ich auf den Beinen um Wasser für meinen Frühstückstee zu kochen. Im Waschraum fallen mir wieder die lustigen kleinen Frösche auf, die an den senkrechten Wänden umherkriechen. Selbst die glatten Fliesen stellen kein Problem dar. Aufgrund mangelnden Lichts verschiebe ich einen Fototermin auf später.

Erster Punkt meines heutigen Programmes sind die Tempel von Nikko, welche von bestimmt einem Duzend Leuten auf meiner Übersichtskarte mit Ausrufezeichen versehen wurden. Den Weg nach Nikko kenne ich ja bereits. Die Tempel liegen am anderen Ende der Stadt, die sich mehrere Kilometer bergauf hinzieht. Um etwa halb acht und damit fast 1 1/2 Stunden vor der Öffnungszeit stehe ich am Eingang des Tempelgebietes. Ich habe Glück, denn das Häuschen ist bereits besetzt. Die Dame darin ist gerade mit der Abrechnung des letzten Tages beschäftigt. Obwohl eigentlich noch geschlossen ist, verkauft sie mir eine Eintrittskarte. Ich darf sogar mein Fahrrad mitnehmen.

Die einzelnen Tempel liegen über eine Fläche von mehreren Quadratkilometern im Wald verteilt und sind über schattige Pfade und Alleen verbunden. Ausser dem Hauspersonal bin ich ganz allein unterwegs. Die moosbewachsenen Steinlampen und bunten kleinen Holzhäuser inmitten dieser Einsamkeit wirken märchenhaft, fast mystisch. Die Tempel selbst sind höchst unterschiedlich. Während manche recht einfach gehalten sind, versuchen andere mit einer Übermacht an bunten Schnitzeren und Goldbesätzen zu blenden, dass es selbst einem barockerprobten Europäer fast zu bunt werden kann.

Die Zeit vergeht wie im Fluge und langsam finden sich auch die ersten weiteren Touristen in den Tempeln ein. Als ich zu den Haupttempeln, in deren Nähe sich auch die 3 berühmten Affen befinden, erreiche, kann man vor Menschen kaum noch treten. Schulklassen mit Einheitsmützen in gelb, Rentergruppen mit Einheits-T-Shirts in Grün und eine Damengruppe mit Schirmchen in Rot schwirren ameisengleich durch die Tempelgebäude und die Pfade entlang. Neben den Tempeln sind Podeste aufgebaut, vor denen sich auch große Gruppen in 5er-Reihen von professionellen Fotografen ablichten lassen können. Vor den Tempeln selbst haben sich lange Schlangen gebildet. Ich beschließe die Flucht anzutreten und fahre zurück ins Stadtzentrum.
Zum Chuzenji-ko
In der Touristinformation möchte ich mich über den Weg zum Kegon-Wasserfall informieren und ob es im Nationalpark eine Möglichkeit zum Camping gibt. Der nette Mann drückt mir eine detaillierte Karte mit einer Wegbeschreibung und allen Camping- und Rastplätzen in die Hand. Als er bemerkt, dass ich aus Deutschland komme, kramt er in seinem Schreibtisch und holt ein Fotoalbum hervor. Er sei vor ein paar Jahren selbst in Deutschland im Urlaub gewesen und würde mir gern seine Urlaubsbilder zeigen. Ich freue mich und blättere mit ihm durch eine Rhein-Mosel-Schifffahrt, eine Dombesichtigung in Köln und vieles mehr. Im Hofbräuhaus in München angekommen bemerke ich, dass in der Schlange hinter uns bereits etwa 5 weitere Touristen geduldig ausharren. Doch die müssen sich noch ein bisschen gedulden, denn immerhin mußten wir ja noch Neuschwanstein, Rothenburg und Frankfurt besichtigen.

Ich kaufe noch schnell ein paar Lebensmittel ein, fülle meine Wasserflaschen und mache mich zur Mittagszeit auf den Weg zum Lake Chuzenji. Die Straße steigt in steilen Serpenienen auf etwa 1300 Meter an. Irgendwann teilt sich die Straße auf, so dass beide Fahrtrichtungen einen anderen Weg zum Paß nehmen. Ausser ein paar einsamen Wohnhäusern und einer kleinen Tankstelle gibt es nicht viel auf dieser Strecke. Immerwieder bieten sich imposante Blicke auf die umgebenden Berge und ins Tal. Anfangs geht es noch flott vorran, Kehre für Kehre klettere ich nach oben.
Irgendwann jedoch beginnt mir die Hitze wieder zu schaffen zu machen. Eigentlich wollte ich ohne größere Pausen nach oben fahren, da ich nach längeren Stops immer schwer wieder in Schwung komme. Doch nur etwa 3 Kilometern vor der Gipfelplattform mache ich schlapp. Ich übergieße mich gerade wieder mit dem Inhalt meiner Wasserflasche um meine Körpertemperatur zu senken, als auf dem kleinen Parkplatz ein Kleinbus mit einer vierköpfigen Familie anhält. Der Vater erklärt mich in gebrochenem Englisch zuerst für verrückt, bevor er mir freudestrahlend erzählt, dass er in seiner Studentenzeit auch oft an diesem Berg mit dem Rad trainiert hat......aber ohne Gepäck. Er warnt mich noch, ich solle morgen vorsichtig sein und auf den Taifun aufpassen.
Dann drückt er mir eine kühle Flasche Aquarius in die Hand und macht sich wieder auf den Weg. Diese gibt mir genügend Motivation, um die letzten Kilometer bis zur Gipfelplattform emporzuklimmen. Dort gibt es viel Betonflächen, aber auch ein kleines Eiscafé mit toller Aussicht ins Tal. Von hier aus muss man nur noch durch einen kurzen Tunnel und ein kleine Abfahrt herab, um zum Chuzenji-See zu gelangen. Der Abfluß dieses Sees liegt an einer steilen, staudammähnlichen Abbruchkante und bietet mit mit dem 97 m hohen Kegon-Wasserfall einen imposanten Anblick. Im Ort selbst dominieren zwar großflächige Parkplätze und duzende Souvenierläden. Die Natur in der Umgebung ist jedoch beeindruckend.

Langsam ziehen jedoch Wolken über den Bergen auf und es beginnt langsam zu regnen. Der Campinplatz, den mir der nette Mann in der Tourist-Info empfohlen hat, liegt etwa 5 km entfernt auf der anderen Seite des Sees. Motiviert noch einigermaßen trocken dort anzukommen hole ich die letzte Kraft aus meinen Beinen heraus und rase am Ufer des Sees entlang. Die Strecke ist flach und bietet immer wieder schöne Ausblicke, so dass ich auch gut vorwärts komme und innerhalb von 10 Minuten mein Ziel erreiche.
Der Zeltplatz ist weniger luxoriös als der gestrige, jedoch auf einer kleinen Halbinsel an einer Flußmündung zum See idyllischer gelegen. Die meisten anderen Besucher sind Wanderer oder Schulklassen. An einem kleinen überdachten Grillplatz fange ich in jetzt stärker werdenden Regen an, mein Abendessen und den Einschlaftee zu kochen. Die regenfreien Minuten bis zum Dunkelwerden nutze ich für einen kleinen Spaziergang am Ufer um den Ausblick auf die sich in der Ferne aufbauenden Wolkenmassen und die Bergkulisse zu genießen.

Irgendwann gewinnt die Dunkelheit und bei mir auch die Müdigkeit die Oberhand, so dass ich mich in mein Zelt zurückziehe, welches in dieser Nacht immer wieder von Sturmböen und Regenschauern zum wackeln gebracht wird.
Feedback
Bei Fragen, Anregungen, Kritiken freuen wir uns über ein kurzes Feedback