Von Utsonomiya nach Nikko
(Teil 4)

Heute verlasse ich die flachen Ebenen und radle in die Berge. Mein erstes Ziel heisst Nikko.
Begegnungen am Morgen
Als ich am frühen Morgen aufwache, hat sich der Nieselregen verzogen und die Sonne scheint wärmend auf mein Zelt. Ich koche meinen Frühstückstee und esse ein Stück Baumkuchen, welches ich mir gestern im Supermarkt gekauft habe. Auch wenn dieser genau so aussieht wie der Baumkuchen in Deutschland, so unterscheidet er sich schon allein in seiner Konsistenz sehr stark. Er lässt sich nämlich problemlos auf die Hälfte seines Volumens zusammendrücken und ploppt anschliessend wieder auf Originalgröße zurück. Schmecken tut es trotzdem. Auf der Toilette finde ich nun allerlei Getier, welches mir gestern entgangen ist. Unter anderem Spinnen, Frösche und eine kleine grüne Schlange. Anzumerken wäre hier noch, dass die Spinnen die Frösche um den Faktor zwei überragten. Dafür hatten die Frösche kleine Saugnäpfe an den Füssen, so dass diese die glatte Wand hinauf laufen konnten. Eigentlich wollte ich hier ein Foto machen, doch die Beweglichkeit der kleinen grünen Schlange liess mich das kleine Häuschen vorzeitig verlassen.
Auf dem Damm des Kokai-Flusses starte ich in Richtung Norden. Der Weg ist gut zu befahren, so dass ich gut vorwärts komme. Die Temperaturen sind am frühen Morgen hier am Fluß noch angenehm. Bereits nach 5 Kilometern fahre ich an einem voll ausgestatteten Campingplatz vorbei. Vieleicht wäre da die Fauna auf der Toilette kleiner ausgefallen......
Alle paar Kilometer an kleinen Staustufen zweigt der Weg vom Damm ab und führt durch die Dörfer am Rande des Flusses. Immer wieder führen kleine, etwas wackelig aussehende, Holzbrücken über den Fluss mit seinem dicht bewachsenen Ufer. Die anfangs noch angenehme Morgenkühle weicht der bereits bekannten Schwüle. Doch langsam fange ich an, mich daran zu gewöhnen bzw. Taktiken dagegen zu entwickeln.

Irgendwann biegt die Straße nach Utsonomia ab, der ersten richtigen Großstadt. Das Zentrum ist modern, wirkt aber durch seine Uferpromenade am Fluß recht einladend. Im Randbereich des modernen Zentrums mit seinen Bürotürmen wirkt es sogar mit ein paar kleinen verwinkelten Gassen, Holzhäusern und Cafe’s richtig beschaulich. Eiscafe und Milchshakes bringen meine Körpertemperatur wieder auf ein erträgliches Maß herunter. Ich überlege, wie ich den Rest des Tages am besten Nutzen kann. Es ist gerade Mittag und nach ein paar Minuten in der Sonne komme ich mir vor wie in einem Backofen. Die Besitzerin des Cafe’s erzählt mir jedoch, dass die Straße nach Nikko immer zwischen Bäumen im Schatten entlang führt und mit dem Rad angenehm zu befahren sei.
Romantische Märchenstrassen
Also mache ich mich auf den Weg. Schon wenig ausserhalb des Zentrums befinde ich mich wirklich in einer wunderbar schattigen Allee, welche auf beiden Seiten mit alten, knorrigen Bäumen bewachsen ist. Auf einem kleinen, etwa ein Meter hohen Damm beidseitig der Straße gibt es sogar zwei Radwege. Da es jedoch bei jeder seitlichen Zufahrt auf das Hauptstraßenniveau heruntergeht, ähnelt die Route eher eine Achterbahnfahrt. Obwohl mein Rad bei diesem auf und ab auf der schotterigen Piste etwas leidet, macht es Spass und die Zeit und Kilometer vergehen wie im Flug. Auf meiner rechten Seite tauchen die ersten Berge aus der dunstigen Luft auf. Immer wieder überquert man kleine Brücken, an denen Rastplätze zu einer kleinen Pause einladen. An einer stand ein großes Schild, an dem in Deutsch aufgedruckt stand ‘Romantische Märchenstrasse’. Der Rest war leider nur in Japanisch und verschloß sich mir daher.

Romantisch wurde der Weg nun auf jeden Fall, denn es ging geradewegs in die Berge hinein. Die Steigung war zwar eher gemächlich, aber doch spürbar. Die Allee wird hier schmaler und ist von dichtem Wald umgeben. Der Radweg ist immer wieder unterbrochen, so dass ich auf die recht dicht befahrene Strasse ausweichen muss. Trotz der schattenspendenden Bäume setzt jetzt wieder mein alltäglicher Hitzestau ein. Mit Mühe erreiche ich Imaichi, den letzten Ort vor Nikko. Hier gibt es eine Einkaufsstrasse, deren Fußweg überdacht und somit vor der Sonne geschützt ist. Ich stopfe Unmengen an Eis und Getränken in mich hinein. Es ist zwar erst um 3 Uhr, dennoch habe ich keine wirkliche Motivation weiter zu fahren. Ich frage nach einem Campingplatz und werde auf eine kleine Nebenstraße am Fluß geschickt, die auch nach Nikko führt.
Nur wenige Kilometer flußaufwärts komme ich dann auch an einen vollausgestatteten Campingplatz. Wären die Schilder nicht in Japanisch könnte dieser genausogut auch in Schweden stehen. Die Ausstattung und der Aufbau waren ähnlich, die Preise mit etwa 10 Euro auch angenehm. Ich freue mich über eine Dusche, denn meine gesamte Kleidung klebt irgendwie.
Fast wie Clausthal

Da ich keine Lust zu kochen habe, beschließe ich noch schnell nach Nikko, welches nur 5 Kilometer entfernt liegt, zu fahren. Das Bergpanorama auf dem Weg dorthin ist beeindruckend. Nikko selbst hat am Abend etwas von Clausthal. Viele kleine Holzhäuser umgeben von bewaldeten Bergen. Ein paar Hotels, Restaurants und Souvenirläden. Von einem Internetcafé sende ich erste Lebenszeichen nach hause, bevor ich in einem kleinen Ramen-imbiss meinen Hunger befriedige. Die Preise für eine Riesenportion inklusive Getränke sind mit 5 Euro niedriger als ich es erwartet habe und fast günstiger als selbst zu kochen. Ausserdem ist es ungleich leckerer.
Nach dem Essen kaufe ich mir noch ein paar Süssigkeiten für’s Frühstück, bevor ich mich langsam wieder zu meinem Zelt rollen lasse. Den Schlafsack habe ich heute gleich in der Tasche gelassen und werde ihn trotz der 700 Höhenmeter, auf denen ich mich jetzt befinde, nicht benötigen.
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