Vom Kasumigaura See in Richtung Nordosten
(Teil 3)

Vom Kasumigaura-See geht es langsam über Tsuchiura und Shimodate in Richtung Norwesten.
Abschied
Ob wohl ich schnell eingeschlafen bin, wache ich nachts ein paar mal auf. Den Schlafsack mit ins Zelt zu nehmen war keine gute Idee, denn selbst in der Nacht sinken die Temperaturen kaum unter 25 °C. Selbst wenn ich nur obenauf liege wird es mir zu warm. Also wurstle ich das Teil ans Fußende meines Minizeltes und schlafe nur in Unterhose auf meiner klebrigen Isomatte ein. Als es beginnt hell zu werden, krieche ich aus meinem Zelt. Jetzt sind die Temperaturen angenehm und ich will daher möglichst früh aufbrechen, um nicht in der großen Mittagshitze radeln zu müssen. Ein Blick auf die Uhr sagt mir, dass es erst 5 Uhr ist. Dafür enden die Tage ja aber auch im Sommer bereits um 6 Uhr. Ich packe langsam meine Sachen zusammen und will gerade wieder den Kocher anwerfen um meinen Frühstückstee zu kochen, als ich von den kleinen Kampfsportlern wieder eifrig davon abgehalten werde. Auch diese sind um diese Zeit schon auf und zerren mich in Überzahl wieder in ihre Hütte. Dort ist bereits das Frühstück vorbereitet. Ich werde mit leckeren Sandwiches und Kuchenteilchen vollgestopft und darf am Ende noch die Dusche der Blockhütte benutzen (habe ich so stark gemüffelt?).
Danach verabschieden wir uns voneinander und ich radle langsam weiter in Richtung Nordwesten. Zum ersten mal sehe ich nun auch den Kasumigaura-See. Er ist der zweitgrößte See in Japan und wirkt in dem diesigen Licht eher wie ein übergroßer Baggersee. Die Strasse führt durch viele kleine Dörfer. Meist gibt es neben der vielbefahrenen Hauptstrasse einen Radweg, der sich meist ruhig fahren lässt. An manchen Stellen jedoch weist der Weg starke Aufbrüche und so dichten Pflanzenbewuchs auf, dass man sich durch das Gestrüpp regelrecht durchkämpfen muss.
Tsuchiura
Das erste Tagesziel ist Tsuchiura, wo ich die heißen Mittagsstunden verbringen möchte. Die Stadt hat etwa 130 000 Einwohner und liegt direkt am See. Im male mir ein paar schattige Stunden an einer Uferpromenade im Schatten eines Baumes aus. Die Vororte, durch die ich zu Beginn fahre, sind etwas chaotisch, mit vielen alten Holzhäusern. Sehr stimmungsvoll also. Doch die Innenstadt hält nicht, was die hübschen Vororte versprechen. Viele neue Bauklötzchengebäude, Beton und Stahl. Eine Hafenpromenade gibt es zwar, doch diese lädt nicht zum verweilen ein. Also suche ich mir einen großen Supermarkt als Rastplatz aus, der ein schattiges Vordach bietet. Eine halbe Wassermelone, ein paar Flaschen Wasser, Eis und kleine Kuchen bilden die Grundlage meines Mittagsmenüs. Die Supermarktpreise liegen etwas über denen in Deutschland, aber auch nicht weit davon entfernt. Ich hatte es mir teuerer hier vorgestellt. Beim Essen fällt mir auf der anderen Seite des großen Parkplatzes ein märchenschlossähnliches Gebäude auf. Dieses entpuppt sich als Hochzeitshotel mit efeubewachsenem Romantik-Romeo-und-Julia-Balkon......und einem wunderschönen Blick auf den Parkplatz. Ich stelle mir vor, wie man nach einer verträumten Hochzeitsnacht, noch immer etwas schlaftrunken, im ersten Sonnenlicht auf den Balkon steigt um den Ausblick über den See zu geniessen und nur eine riesige schwarzgraue Fläche vor sich hat.
Kurz nach Mittag wird es etwas wolkiger, so dass ich mich entschließe trotz der schwülen Wärme langsam weiterzufahren. Ein paar Kilometer nordwestlich von Tsuchiura erhebt sich aus der ansonsten flachen Landschaft das erste Gebirge mit dem Tsukuba-san als höchster Erhebung. Im Gegensatz zu den anderen japanischen Gebirgen ist dieses nicht vulkanischen Ursprungs sondern schon weit älter und irgendwie wirkt es auch etwas deplatziert. Die Strasse geht immer am Fuß der etwas düster aussehenden Berge entlang. Irgendwann zweigt ein hübscher, gut ausgebauter Fahrradweg von der Hauptstrasse ab. Am Rande des Weges finden sich alle 2 Kilometer kleine Rastplätze mit Wasserstelle, Toiletten und Tischen, die zu einer Pause in den kleinen Dörfern einladen. Viele Rentner nutzen den Weg für eine Radtour mit ihren Enkelkindern.

Abkühlung
Wenige Kilometer vor Shimodate zweige ich wieder von diesem Radweg ab und fahre wieder auf der Hauptstrasse. Shimodate ist eine japanische Kleinstadt, wie sie oft in Godzilla-Filmen zerstört wird. Es gibt im Zentrum ein paar moderne Bürogebäude, eine Brücke über den Fluß und einen riesigen Antennenmast mitten im Stadtzentrum. Dunkle Wolken ziehen heran und ein plötzlich aufkommender Wind wirbelt Staub und Sand auf. Ich fahre wie so schnell ich kann durch das Stadtzentrum und rette mich bei Ankunft der ersten Regentropfen in einen Supermarkt am Rande der Stadt. Was dann von oben herunterkommt sieht aus, als würde gerade jemand im Himmel eine Badewanne auskippen. Innerhalb weniger Sekunden steht der Parkplatz zehn Zentimeter unter Wasser. Blitze zucken in nächster Umgebung und bringen die riesigen Fensterscheiben des Marktes zum vibrieren. Keiner der Kunden traut sich auch nur die zehn Meter zwischen Supermarkt und Auto zurückzulegen, so dass sich unter dem Vordach nach und nach eine Menschentraube bildet, die das Spektakel da draussen betrachtet. Nach etwa 15 Minuten ist der Spuk vorrüber und nur ein leichter Nieselregen übrig. Erst jetzt fällt mir ein, dass ich doch die Gelegenheit in einem Supermarkt zu sein nutzen könnte um für den Abend einzukaufen. Ich entscheide mich für japanisches Curry mit Nudeln. Als ich meinen Einkauf beende ist das Gewitter wieder in weiter ferne. Ich schwinge mich wieder in den Sattel und geniesse den Nieselregen, der eine angenehme Abkühlung bringt. Ich fahre über kleine Nebenstrassen in Richtung Norden.

Die flache Landschaft mit ihren kleinen Ortschaften, manchmal nur 20 Häuser, erinnern mich etwas die Mecklenburger Seenplatte. Würde sich da im Ortskern statt einer Kirche nicht ein kleiner Schrein oder Tempel befinden. Ich verfahre mich jedoch ein paar mal, da es keine richtigen Strassen- oder Ortsschilder gibt. Zudem beginnt die Sonne langsam unterzugehen, so dass ich mich auf die Suche nach einem Plätzchen zum übernachten begebe. Ich muss auch nicht lange suchen, denn bereits nach einigen Kilometern finde ich einen kleinen Park am Kokai-Fluß. Ich frage in einem Bauernhaus wenige hundert Meter vom Park entfernt nach, ob es erlaubt sei dort zu zelten. Die nette Dame sagt, dass das kein Problem ist und so baue ich mein Zelt zwischen den Bäumen neben einem Tisch auf und beginne meine Nudeln und Curry im angenehm kühlen Nieselregen zu kochen.

Neben dem Park verläuft auf dem Deich ein Rad und Fußweg auf dem am abend viele Jogger unterwegs sind. Einer kommt nach seinem Lauf zu mir und gibt mir Tipps für die weitere Reise und welche Wege in den nächsten Tagen in Richtung Nikko für Fahrräder geeignet sind. Ausserdem schenkt er mir für den Notfall eine Telefonkarte. Nach einer Stunde schaut er erschrocken auf seine Uhr und verschwindet plötzlich mit einem Hinweis auf seiner wartende Ehefrau. Es ist bereits dunkel. Ich koche mir noch einen Tee und verkrieche mich mit einem Buch in mein Zelt. Den Schlafsack werde ich wieder nicht benötigen.
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