Der erste Tag

(Teil 2)

Endlich in Japan. Von der kleinen Stadt Narita aus starte ich meinen dreiwöchigen Trip. Jedoch setzt die schwüle Hitze meinem Körper arg zu, so dass mir Zweifel an meinem Unternehmen kommen. Doch die Gastfreundschaft der Japaner lässt den Tag voller Zuversicht enden.


Einreiseformalitäten

Die Nacht bei einem Flug in Richtung Japan ist sehr kurz, so dass ich bei Servieren des Frühstücks noch recht schlaftrunken bin. Kaum habe ich den letzten Bissen herunter, werden die Tabletts auch schon wieder eingesammelt und das Flugzeug geht zum Sinkflug über. Aus dem Fenster sieht man eine flache Landschaft mit Reisfeldern und kleinen Hausansammlungen. Die Farben wirken durch die dunstige Luft blass und kraftlos. Mein Puls steigt. Was wird mich da unten erwarten......

Erst mal die Einreiseformalitäten. Am Immigration-Schalter stehen riesige Schlangen. Japaner können einfach passieren. Die restlichen Ausländer werden in verschiedene Gruppen, je nach Herkunftsland, aufgeteilt. Ich verlaufe mich erstmal. Als Europäer habe ich jedoch das Glück in einer der kürzeren Reihen zu stehen, was das ganze wieder kompensiert. Das Schild an meiner Warteposition sagt mir, dass ich noch etwa 70 Minuten benötige, bis ich den Anfang der Schlange erreicht habe. Bei Erreichen des “30 Minuten”-Schildes fallen mir gelbe Zettel auf, die meine Mitwartenden in den Händen halten. Ich erfahre, das diese nach dem Abendessen an alle Flugreisenden verteilt wurde. Zu diesem Zeitpunkt habe ich wahrscheinlich im tiefsten Schlummerschlaf gelegen, um meinen ausgebrannten Körper von seinem Wasabi-Erlebnis zu erholen. Ich verlasse nach einigem Überlegen meinen hart erwarteten “20 Minuten”-Schild-Platz und gehe auf die Suche nach den Formularen. Neben den Toiletten werde ich fündig. Ein ganzer Tisch mit ca. 30 Varianten an gelben Zetteln. Irgendeiner davon ist für Bürger der EU. Nachdem ich mir von irgendwo einen Stift erschnorrt habe, fülle ich das Zettelchen aus und stelle mich darauf ein, mich wieder bei “70 Minuten”, nein, mittlerweile “90 Minuten”, anzustellen. Da rufen mir die beiden Schweizer, welche die ganze Zeit etwa 3 Minuten hinter mir gestanden haben, zu, daß ich mich bei Ihnen wieder einreihen kann. Glück gehabt. Ich setze mein Warten bei “5 Minuten” fort und erreiche nach insgesamt 73 Minuten den Immigration-Schalter. In stiller Bewunderung für das Zeitgefühl des Schilderaufstellers gebe ich meinen Pass und das gelbe Zettelchen der netten Dame hinter der Glasscheibe und betrete wenige Sekunden später japanischen Boden.

Auf dem Gepäckband kreist einsam mein Seesack umher und daneben steht auch schon mein Fahrrad. Hektisch beginne ich alles wieder zusammen zu basteln und bereits eine halbe Stunde später ist das Fahrrad bepackt und reisefertig. Schnell noch zum Geldautomaten und etwas Geld abheben. Der Automat ist recht gesprächig und erklärt mir in synthetischem, aber mit vielen Höflichkeitsfloskeln angereichertem Englisch die einzelnen Schritte der Geldauszahlung. Beim Eintippen meiner Geheimzahl zögere ich zuerst. Ich befürchte das Gerät ist so gesprächig, auch gleich meine 4 Ziffern lautstark mitzuteilen, doch hier hüllte es sich in dezentes Schweigen. Nachdem ich nun auch monetär einigermassen ausgestattet war, konnte es nun endlich losgehen.

Es geht los !

Die automatische Tür des Flughafens öffnete sich und eine feuchte Hitzewand traf mich wie eine Faust ins Gesicht. Das Atmen fiel anfangs etwas schwer, doch nach wenigen Minuten gewöhnte sich mein Körper langsam an das drückende Klima. Die ersten Kilometer in einem neuen Land sind jedes mal etwas besonderes. Das voll bepackte Fahrrad schlingert noch etwas und nur langsam setzt es sich in Bewegung. Um den Flughafen zu verlassen muss man auf eine Hochstrasse fahren, was aber weniger stressig wird als ich befürchte. Die Autofahrer sind sehr vorsichtig und machen einen großen Bogen um einen. Einzig an den Linksverkehr muss ich mich etwas gewöhnen. Geradeaus ist das weniger ein Problem, nur bei Kreuzungen muss ich oft rätseln, wie ich mich denn nun einordnen soll. Doch die Geduld und Rücksichtnahme der anderen Verkehrsteilnehmer nimmt mir auch hier meine Ängste.

Nach nur wenigen Kilometern komme ich auf einen breiten Radweg, der zwar recht holprig, dafür aber auch nett anzuschauen ist. Im Abstand von 10 Metern sind bunt bemalte Fliesen in den Boden eingelassen, die nacheinander alle Länder dieser Erde, die Tierwelt Japans und die wichtigsten Sehenswürdigkeiten zeigen. Und das auf einer Strecke von mehreren Kilometern. Auf halber Strecke nach Narita halte ich an einer Tankstelle an um meine Benzinflasche für den Kocher aufzufüllen. Als ich mich an die Zapfsäule begebe und in SB-Manier versuche meine Flasche aufzufüllen, kommen gleich 3 Mann auf mich zugestürzt und reissen mir Flasche und Zapfschlauch aus der Hand. In Japan gehört der Service zum Tanken dazu, bei uns war das wohl früher auch mal so. Einer von den dreien hält nun also die Flasche, der zweite betankt sie und der dritte wischt dann die Benzinreste von ihr ab und kassiert. Für diese Inanspruchnahme von 3 Leuten bezahle ich dann meine umgerechnet 90 Cent, bedanke mich freundlich und radle weiter.

Die erste Station meiner Reise ist Narita, eine kleine nette Stadt mit verwinkelten Häusern und einem großen Tempel. Obwohl die Stadt der Namensgeber des Internationalen Flughafens ist, sind hier erstaundlich wenig ausländische Touristen zu finden. Da mir die Hitze nun doch etwas zu schaffen macht, kaufe ich mir in einem kleinen Eisladen ein grosses Vanilleeis und spaziere etwas durch die Parkanlagen des Tempels. Hier spenden Bäume, kleine Teiche und Flussläufe etwas Kühle, so dass sich mein Zustand wieder etwas bessert. An manchen Stellen hat man das Gefühl inmitten der Natur zu sein, weit ab der Zivilisation. Künstliche Wasserfälle, Felsen und Seen lassen einen durch eine Landschaft laufen, die vergessen lässt, dass man eigentlich mitten innerhalb der Stadt ist.

Vor dem Tempel in Narita

Plötzlich hört man die Glocke des Tempels schlagen. Neugierig folge ich den Japanern in das Innere des Gebäudes. Die folgende Zeremonie ist sehr stimmungsvoll, wenn ich auch nicht wirklich verstanden habe, was da so alles passiert. Die Mönche sangen monoton und spielten dazu eine kleine hohe Flöte, immer wieder unterbrochen von einer tiefen Glocke und rhytmischen Lesungen in tiefer Stimme. Die dunkle Atmosphäre des Raumes verstärkte die Stimmung zusätzlich. Danach wurde Papier in einem kleinen Gefäß angezündet und viele ältere Frauen gaben ihre Handtasche an den Priester, welche dann durch den Rauch des Feuers gereicht wurden. Der Gedanke an meine recht spärlich gefüllte Geldtasche liess in mir die Idee aufkommen, doch meinen Beutel doch auch mal über den Rauch zu halten, hoffend, dass dies den Füllstand etwas verbessern könnte. Doch bevor ich meinen Gedanken zu Ende spinnen konnte war das ganze bereits schon vorbei.

Kaum hatte ich mich wieder an das grelle Licht draussen gewöhnt, sattelte ich wieder wieder mein Fahrrad und fuhr weiter in Richtung Nordosten. Den genauen Weg wusste ich noch nicht, denn ich war noch nicht im Besitz einer richtigen Strassenkarte. Höchste Zeit sich also eine zu besorgen. Die Ausfallstrasse aus Narita war voller Geschäfte, Convinience-Stores und Supermärkte. Sogar einen Buchladen konnte ich auftreiben, wenn ich auch aufgrund meines schlechten Japanisch fast daran vorbeigefahren wäre. Die Karten, die ich finde, sind eigentlich für Motoradfahrer gedacht, aber sehr detailliert. Tankstellen, Supermärkte, Campingplätze, alles ist eingezeichnet. Sogar schöne Plätze um sich die Kirschblüte und den Indian Summer zu betrachten. Dafür ist alles in Japanisch beschrieben, so dass mir die wenigsten Angaben anfangs etwas nützen. Größere Orte kann ich zumindest mit Hilfe meiner Übersichtskarte, welche ich aus Deutschland mitgebracht habe, übersetzen. Bei kleineren Orten bleibt mir nur der grafische Abgleich zwischen der Beschriftung im Atlas und den Strassenschildern und auch fragen stellt sich als schwierig heraus, wenn man nicht weiss wie der Ort heisst, zu dem man möchte.

Mein Körper streikt

Die Landschaft in der Umgebung ist sehr ländlich. Kleine Dörfer, Reisfelder und Bambusflächen wechseln sich ab. In leichten Kuren schlängelt sich die schmale Strasse durch die eher flache Landschaft. Es herrscht kaum Verkehr und die Autos und LKWs die unterwegs sind überholen langsam und vorsichtig. Das radeln macht anfangs noch großen Spass, doch allmählich beginnt sich mein Zustand zu verschlechtern. Die große Hitze macht mir stark zu schaffen. Alle 5 bis 6 Kilometer halte ich ein einem Convinience-Store an, um mich mit Getränken und Wasser zu versorgen. Die Landschaft, die vorhin noch grün und lebendig auf mich wirkte, sieht plötzlich wieder blass aus. Das grelle Licht der Sonne und der durch die hohe Luftfeuchtigkeit farblose Himmel lassen alles plötzlich unwirklich und feindselig erscheinen. Die Strasse führt über eine nur einseitig befahrbare, aber fast 1 Kilometer lange Brücke mit Ampelschaltung. Ich muss mich konzentrieren, da der Boden nur aus Holzplanken besteht. Jede Bewegung schmerzt. Die Strasse vor meinen Augen verschwimmt immer wieder, ich möchte mich übergeben. Doch anhalten kann ich nicht, da hinter mir ein Pulk von etwa 20 Auto zuckelt. Die 4 Minuten zur anderen Seite ziehen sich unerträglich in die Länge. Dort angekommen schleppe ich mich auf den Parkplatz einer geschlossenen Tankstelle und sinke im Schatten neben einem Getränkeautomaten auf den Boden. Jeder Pulsschlag fühlt sich an, als würde ein Hammer meinen Kopf bearbeiten. Ich friere. Schweiss rinnt aus jeder meiner Poren. Ich krame all mein Kleingeld aus den Taschen und ziehe mehrere Flaschen an Wasser, Saft und Milchgetränken aus dem Automaten. Das Eiswasser kippe ich komplett über meinen gesamten Körper. Die Kopfschmerzen werden einen kurzen Moment stärker und beginnen dann langsam auf ein erträgliches Maß abzuklingen. Um Aufzustehen fehlt mir die Kraft. Wie soll ich die nächsten Wochen überstehen, wenn ich schon hier im Flachland einen Kollaps bekomme? Ich möchte mein Fahrrad vor Verzweiflung in den Strassengraben schieben, die Augen schliessen und an einem kühlen Ort wieder öffnen. Doch da gibt es immer noch den leeren, kahlen Parkplatz vor der Tankstelle. Die Luft ist staubig. Immer wieder übergieße ich meine Kleidung mit kaltem Wasser um sie feucht zu halten.

Nach etwa einer halben Stunde bessert sich mein Zustand. Ich kann wieder einigermassen klar denken und die Kopfschmerzen haben ihr hämmern verloren. Ich ziehe mir eine neue Ladung Getränke aus dem Automaten und esse ein paar Kekse. Langsam pegelt sich auch die Körpertemperatur wieder ein. Ich stehe auf und gehe vorsichtig und noch etwas wackelig ein paar Schritte. Neben der Tankstelle finde ich eine Bank, die wesentlich bequemer als der staubige Fußboden ist. Dort lasse ich mich noch etwa eine Stunde lang nieder um wieder an Kraft zu gewinnen.

Es ist jetzt etwa 4 Uhr und die Sonne steht schon recht tief. Die Temperaturen werden erträglicher und ich fühle mich wieder einigermassen fit. In den letzten 90 Minuten habe ich etwa 3 Liter an Flüssigkeit zu mir genommen und etwa die gleiche Menge über mich ergossen. Langsam steige ich auf’s Rad und trete vorsichtig in die Pedale. Die ersten Meter sind noch etwas wackelig, doch nach ein paar Minuten rollt das Rad wieder. Die tiefstehende Abendsonne legt ein warmes Licht über die Landschaft. Der Fahrtwind weht mir ins Gesicht, die Motivation ist wieder da. Noch etwa 25 Kilometer schaffe ich in der nächsten Stunde, dann beginne ich mir Gedanken über meinen nächtlichen Schlafplatz zu machen. Zum wild zelten ist die Gegend noch zu besiedelt, aber von der Strasse aus sehe ich in Miho am Kasumigaura-See ein recht großes Freizeit- und Sportgelände. Ich fahre zum Hauptgebäude, welches auf einem kleinen Hügel liegt und frage in holprigem japanisch, ob man hier zelten darf. Die junge Dame, die gerade das Gebäude abschliessen wollte, öffnet nocheinmal die Tür und bittet mich herein. So fragt ob ich eine Hütte mieten möchte und ich versuche zu erklären, dass ich mein eigenes Zelt dabei habe. Sie versteht scheinbar was ich möchte, füllt einen Zettel in japanisch aus, den ich unterschreiben muss und möchte dann umgerechtet 5 Euro von mir, die ich bereitwillig bezahle. Dann ruft sie einen älteren Herrn aus dem Geräteschuppen neben dem Haus, der sich auf seinen kleinen Motorroller schwingt und mir deutlich macht, dass ich ihm folgen soll. Das Sportgelände ist hügelig und ausgedehnt. Ich habe Mühe dem Herrn zu folgen, da er sich einen Spass daraus macht, einmal kräftig Gas zu geben, dann wieder langsam zu fahren bis ich aufgeschlossen habe um dann wieder Gas zu geben. Auf einem der kleinen Hügel bleibt er stehen und wartet grinsend, bis ich ihn keuchend und hechelnd erreiche. Er deutet auf eine kleine idyllische Wiese, etwa 100 Meter vor ihm. Dort könne ich mein Zelt aufbauen. Es gibt einen kleinen Grillplatz mit fließend Wasser und ein kleiner Toilettenhäusschen. Das soll nun also mein erster Schlafplatz hier werden.

Aufbauhilfe

Als ich mein Zelt aufbauen will rächt sich das chaotische Packen. Alles ist irgendwie auf alle Taschen verteilt. Ich stelle alle Taschen nebeneinander auf und beginne mit der Suche. Es dauert nicht allzu lange, bis ein paar kleine Stöpsel, die in der Nähe umherstromern, meine Suchaktion entdecken. Die Vier schleichen sich neugierig heran und helfen mir dann auch gleich beim Auspacken der Taschen. Nur wenig später ist der gesamte Inhalt auf der Wiese verteilt, was eigentlich so nicht geplant war. Mit meinen wenigen Wörtern japanisch finde ich heraus, dass die vier aus Chiba kommen und mit ihrer Kendo-Sportgruppe hier ein kleines Ferienhaus gemietet haben. Nachdem ich erfolgreich mein Zelt aufgebaut habe und gerade meinen Kocher auspacken möchte um mir etwas zu Essen zu kochen, nehmen mich die Vier an der Hand und zerren mich zum Rest der Gruppe auf einen kleinen Hügel. An der kleinen Blockhütte gibt es etwa noch 10 Kinder, die sogleich beginnen auf mir herumzuklettern und an meinem (sowieso recht kurzen) Bart zu ziehen, bis einer der Betreuer der Gruppe herbeigeeilt kommt, um mich kurzzeitig zu erlösen.

Gruppenfoto

Von denen werde ich sogleich zum Barbeque und Essen eingeladen. Eine Betreuerin kommt ursprünglich aus Südkorea und bringt eine Schüssel mit einer leckeren, aber sehr scharfen Suppe, die zum wiederholten mal meine Nervenzellen in einen Lähmungszustand versetzen. Ansonsten gab es knuspiges Hühnchen, Gemüse und allerlei Süsskram. Nachdem die es völlig Dunkel geworden ist, werden Tüten mit allerlei Knallkörpern herbeigeholt und ein sommernächtliches Feuerwerk veranstaltet. Danach werden mir die Kendofähigkeiten der Kleinen präsentiert. Noch viele Stunden wird trotz der Sprachbarriere erzählt, an meinem Bart gezogen, sich gegen Mückenschwärme verteidigt und viele Tipps für die weitere Reise gegeben. Erst kurz vor Mitternacht übernimmt die Müdigkeit die Vorherrschaft, so dass ich mich erschöpft aber glücklich in mein kleines Zelt verkrieche und dort innerhalb von Minunten in einen tiefen Schlummerschlaf falle.

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