Die Anreise
(Teil 1)
Endlich geht es los. Nach wochenlanger Nichtplanung und einem einsemestigen VHS-Kurs in Japanisch breche ich vom entlegenen Bergdorf Clausthal-Zellerfeld in Richtung Japan auf, um dort meinen 3-wöchigen Jahresurlaub auf 2 Rädern zu verbringen.
Langfristige Vorbereitungen
Es ist Freitag, 20 Uhr. Seit mehreren Stunden kämpfe ich im Labor mit meinem Messrechner, um die Messungen für die drei Wochen meiner Abwesenheit vorzubereiten. Die Mittagspause habe ich genutzt, um mir noch ein paar Dinge für die Reise, wie Fahrradhelm und Sonnenbrille, zu besorgen. Ansonsten sind meine Packtaschen noch recht leer, die letzten Tage waren einfach zu hektisch. Kurz vor 9 Uhr klappt es dann endlich, die Messung läuft. Hoffentlich macht sie dass auch noch bis Montag, bis dahin wird keiner danach schauen.
Ich hetze nach Hause. Der Kühlschrank gibt noch eine Fertigpizza her, die rasch in den Ofen geschoben wird, bevor ich mich in meinen Keller begebe um die Ausrüstung zusammenzukramen. Die größeren Dinge wie Zelt und Schlafsack sind leicht gefunden., nur der ganze Kleinkram wie Kochzeug und Ersatzteile sind auf viele Kisten verteilt. Der beengende Grundriss des Raumes tut sein übriges, um die Suche zu erschweren. Mir ist in diesem Moment nicht klar, wie man auf die Idee kommen kann, die Tür zu einem 2 mal 2 Meter grossen Raum nach innen öffnen zu lassen, was die nutzbare Fläche auf wenige Quadratzentimeter einschränkt. Da ich die Kisten in der Enge des Raumes nicht durchsuchen kann, beschliesse ich den ganzen Krempel mit nach oben zu nehmen und dort auszusortieren. Doch erst einmal habe ich Hunger und da stört es mich wenig, dass die Pizza mittlerweile eher einem Stück Holzkohle ähnelt. Kurz nach Mitternacht habe ich es dann endlich geschafft und das wichtigste zusammengesucht und in die Fahrradtaschen gepackt. Die Wohnung sieht dafür aus wie ein Schlachtfeld. Die Kisten mit den nicht benötigten Dingen liegen auf dem Boden verstreut. Über Sesseln, Stühlen und Bett liegen die aussortierten Kleidungsstücke, die nicht mehr in die Radtasche gepasst haben. Zum Aufräumen fehlt mir jedoch jegliche Motiation. Ich bin müde und mein Bus geht bereits um früh halb fünf. Es bleibt also nur wenig Zeit zum Schlafen. Was wird mein Nachbar denken, ein netter älterer Herr mit 3 Katzen, wenn er zum Blumen gießen die Wohnung betritt und all das Chaos erblickt? Lange denke ich nicht darüber nach und schlafe, noch immer meine Tageskleidung tragend, auf meinem Bett ein.
Es geht los
Nur drei Stunden später reißt mich der Wecker aus dem Tiefschlaf. Eine kalte Dusche (eine warme ist um die Zeit von der Heizungsanlage sowieso nicht zu erwarten) vertreibt etwas die Müdigkeit. Taumelnd schaffe ich Fahrrad und Taschen nach draussen und hänge alles an die Gepäckträger, hoffend dass das Gefährt die Strapazen der nächsten Wochen durchstehen wird. Immerhin ist das Rad recht neu (nachdem mein anderes gestohlen wurde) und von mir noch nicht mit Gepäck getestet wurden. Ich versuche das fertig besattelte Teil hochzuheben und muss wieder feststellen, dass ich es einfach nicht schaffe sparsam und gewichteffizient zu packen. Aber egal, ich bin aber auch schon mit mehr unterwegs gewesen. Jetzt schnell noch mal meine Papiere und Fotosachen durchgegangen, dass auch ja nichts wichtiges daheim liegenbleibt und auf zur Bushaltestelle, welche gigantische 50 Meter von meiner Wohnungstür entfernt liegt.
Normalerweise verkehren auf der 20 Kilometer langen und kurvigen Strecke zwischen Clausthal und Goslar flache Stadtbusse mit ihrer bequemen Einstiegsmöglichkeit für Fahrräder. Heute habe ich das Glück einen bequemen Reisebus vorzufinden, in dem man das über 40 kg schwere Gerät erst einen schmalen Aufstieg hochhieven muss und dort dann keinen Platz hat, um es irgendwie hinzustellen. Der Busfahrer war jedoch geduldig, viel los ist Samstag morgens um die Zeit sowieso noch nicht. Leider ist die Strecke ins Tal ja sehr kurvig, so dass ich bei Ankunft in Goslar bereits Schmerzen in den Handgelenken habe, da das Rad die ganze Zeit versuchte aus seinem wackeligen Stellplatz auszuscheren. Die weitere Zugfahrt nach Hannover Flughafen verlief hingegen problem- und schmerzfrei.
Im Flughafen wird das Fahrrad reisefertig gemacht. Alle Packtaschen kommen in einen überdimensionierten Seesack, der durch sein Gewicht und seine labberigen Griffe nicht gerade einfach in seiner Handhabung ist. Die Pedalen und der Sattel werden abgeschraubt, der Lenker wird quergestellt und um die Schaltung und Bremsen wird mit Tape etwas Pappe gewickelt, damit das Rad zumindest aussieht wie verpackt. Mein Rad kann ich nicht am normalen Schalter abgeben, sondern man schickt mich von da zum Gepäckschalter für Sperrgepäck. Dort stehen vor mir zwei andere Radler, die ihr Fahrrad in professionelle Boxen verpackt haben und mich ob meiner Pseudoverpackung argwöhnisch beäugen. Doch mit Kisten habe ich auf anderen Flügen schlechte Erfahrungen gemacht, die werden geworfen und von oben mit Tonnen an anderen Gepäck beladen, so dass ich jetzt nur noch einen Minimalschutz benutze. Das Fahrrad sieht dann noch aus wie ein Fahrad, kann geschoben werden und wird vom Personal auch meist wie ein empfindliches Gerät und nicht wie eine namenlose Kiste behandelt. Nachdem ich das Rad endlich los bin geht es wieder zum normalen Check-in, von wo ich dann auch gleich wieder zum Sperrgepäckschalter zurückgeschickt werde. Mein Seesack ist zu voluminös und labberig und könnte sich ja im automatischen Gepäckverteilsystem verheddern. Ein halbe Stunde später bin ich dann all mein Gepäck los und hoffe es in Tokyo heil wieder zu sehen.
Erste Begegnungen mit der japanischen Küche
Der Flug nach Tokyo geht mit Zwischenstopp in Frankfurt. Von da trennen mich noch etwa 11 Stunden von meinem Reiseziel. In dem Lufthansa-Airbus sitzen rechts und links neben mir zwei ältere japanische Männer, die mich bei jeder Gelegenheit freundlich anlächeln. Nur die Kontaktaufnahme ist schwer, da unsere gegenseitigen Sprachkenntnisse leider recht spärlich sind. Zum Abendessen gibt es teilweise japanische Leckereien. Kleine Sushiröllchen, Misosuppe, aber auch Brötchen, Käse und etwas was aussieht wie ein Stück grüne Kräuterbutter. Ich schmiere mir die Paste auf das Brötchen und beisse genüßlich zu.......
Die nächsten Minuten existieren nur noch verschwommen in meinem Gedächtnis. Aus meinem Mund müssen zu diesem Zeitpunkt metergroße Stichflammen emporgeschossen sein. Sämtliche Geschmacksnerven waren wie gelähmt. Wer die kleinen Wassernäpfe im Flugzeug kennt, kann sich vorstellen, dass diese nur wenig zur Löschung dieses Großbrandes beigetragen. Unter tränenden Augen und mit heiserer Stimme verlange ich nach einer größeren Menge kühlen Wassers, so dass nach einigen Minuten der betäubende Zustand meines Rachenraumes endlich nachlässt. Während der eine Mann neben mir noch zurückhaltend lächelt, konnte sich der andere ein herzhaftes Lachen über mein kulinarisches Benehmen nicht verkneifen. Ja, nun weiss ich was Wasabi ist und dass dies sehr sparsam eingesetzt werden sollte. Nach dieser ersten Begegnung mit der japanischen Küche schlafe ich müde und erschöpft ein.
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